Persönliches

12. Jul, 2017

Hymne an die Arbeit

Rentner kann ich nicht

Als ich im Alter von 64 Jahren meine Rente beantrage, gehe ich davon aus auch nach der Rente weiter bei Emmaus zu arbeiten und nebenher im Altersheim, in der Avenue de la Rose, die Rollstuhlfahrer unter den Bewohnern am Sonntag zur Messe in die Kapelle zu schieben und am Montag die elektronischen Geräte im ganzen Altersheim wieder richtig einzustellen oder zu reparieren.

Noch bevor die Rente genehmigt ist, kommt alles ganz anders. In einem Streitgespräch über den bereits genehmigten und von mir geplanten Urlaub, der aus mir nicht verständigen Gründen gestrichen werden soll, kündige ich meinen Job bei Emmaus. Nur wenige Tage später werfe ich nach einer Diskussion mit der verantwortlichen, religiösen Schwester meine ehrenamtliche Tätigkeit im Altersheim hin.

Damit sitze ich nun ohne Beschäftigung in Angelikas Wohnung, in die ich schon vor 3 Jahren eingezogen war und gehe meiner Liebsten ganz schrecklich auf die Nerven. Mein Umräumen ihrer Dinge in ihrer Wohnung stößt auf starken Widerstand, meine nicht erwähnenswerte Beteiligung an den täglichen Haushaltsarbeiten stößt auf völliges Unverständnis und meine Renovierungsarbeiten werden aus meiner Sicht von ihr nicht entsprechend gewürdigt. Auf Deutsch gesagt: Ich habe mich zu einem „Couchpotato“ und einem richtigen Ekel entwickelt. Es musste sich was ändern, aber WAS.

Eine richtige Beschäftigung, eine richtige Arbeit muss her. Was kann ich machen? Mein Französisch ist nach wie vor miserabel. Angelika sagt mit Recht: „Mit dem was du nicht kannst, wirst du keine Beschäftigung finden. Überlege mal was du kannst!“ Was also kann ich? Deutsch und Englisch; Auto fahren; Menschen führen; Verkaufen; Überzeugen; Reden und Schreiben; Problemlösungen finden; Flexibel sein.

Die Lösung kommt völlig unerwartet. Eine Freundin von einer Freundin von Angelika erzählt mir von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit bei einer Organisation zur Betreuung von Seeleuten im Hafen von Marseille. Erforderlich sind englische Sprachkenntnisse, Führerschein, legaler Aufenthalt in Frankreich. Sie gibt mir eine Telefonnummer.

Auch nach zwei Anrufen durch Angelika, wegen meines schlechten Französischs, habe ich noch immer keinen Termin. Also bitte ich Adrienne, die Freundin der Freundin, für mich einen Termin zu machen. Da sitze ich nun im Seemannsclub im Hotel Gens de Mer und werde gefragt ob ich Seemann war oder was ich sonst mit der Seefahrt bisher zu tun hatte. Ich muss gestehen, mein einziges Erlebnis mit dem Meer war ein Tagesausflug von Bremerhaven nach Helgoland, wenn ich mal von einer Kanalüberquerung mit der Autofähre nach England absehe. Da mit der Englisch geführten Unterhaltung die Sprachanforderung erfüllt ist und auch mein Personalausweis den EU-Bürger beweist, brauchte es nur noch den Führerschein um einen Termin für einen Probenachmittag im Hafen zu bekommen.  

29. Jun, 2017

Mit meinem Bericht über Zwei Leben von Toni Tres bin ich noch immer nicht entscheidend weiter gekommen. Deshalb habe ich mich entschlossen hier in meinem Blog in loser Folge einige meiner älteren Kurzgeschichten einzustellen.

Laut der Blogstatistik ist mein Blog bisher fast 10 000 mal abgerufen worden. Leider kann ich daraus nicht erkennen wieviele der Abrufe von tatsächlich interessierten, lesenden Menschen und was Computerabrufe sind.

Klickt bitte auf das Gästebuch und zeigt mir so wer meinen Blog liest und mir damit Mut macht weiter zu schreiben.

 

 

 

      Meine Reise in ein neues Leben

 

Mit meinen Problemen in Deutschland bin ich nicht mehr fertig geworden. Durch meine Arbeitslosigkeit konnte ich meine Schulden, die sich durch meine Spielsucht angesammelt hatten, nicht mehr unter Kontrolle halten. Meine Frau mochte mich nicht mehr wegen der vielen Probleme die ich Ihr in  mehr als 20 Jahren verursacht hatte. Meine Tochter war Erwachsen und studierte in Düsseldorf. Der Versuch zu meinen Eltern, die ich jahrelang vernachlässigt hatte, zurückzukehren scheiterte daran, dass ich das Gefühl hatte ein Fremdkörper in ihrer heilen Welt zu sein und ich meine Spielsucht nicht beherrschen konnte.

 

Also bin ich weggelaufen. Nach Süden, immer nach Süden, und zunächst ohne konkretes Ziel. Über München nach Innsbruck, weiter nach Mailand und schliesslich an die Küste des Mittelmeeres. Hier stand die erste Entscheidung an. Nach rechts Richtung Westen lag Nizza, eine Stadt die ich aus meinem früheren Leben kannte, oder nach links Richtung Osten und Süden, in Neapel gab es Freunde aus dem gleichen früheren Leben. Mehrere Tage bin ich hin und her gelaufen, um mich schliesslich für den Süden und Neapel zu entscheiden.

Immer an der Küste entlang kam ich bis in die Nähe von Rom. Einer Eingebung folgend, wandte ich mich von der Küste ab und marschierte nach Rom um den Papst zu besuchen. Die Schlange vor dem Petersdom war lang und und als ich endlich an der ersten Sperre war, erklärte mir der Wâchter freundlich aber bestimmt, dass ein Besuch im Petersdom in kurzen Hosen und meinem ungepflegten Zustand leider nicht möglich sei. Offensichtlich war die Hilfe Gottes zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorgesehen und ich setzte meinen Weg nach Neapel fort.

Mein Geld war verbraucht, ich hatte nichts mehr zu Essen im Rucksack und war inmitten des militärischen Sperrgebiets südlich Roms. Einen Tag und eine Nacht lag ich in einem kleinen Wald und eine innere Stimme sagte mir immer wieder ich solle mein altes Leben vergessen und nicht nach Neapel gehen und am Morgen wandte ich mich wie selbstverständlich nach Norden, nach Nizza.

In Nizza fand ich Freunde die mir halfen eine Arbeitsstelle und ein Zimmer zu finden und mit denen ich mehr als ein Jahr lang glücklich ein neues Leben lebte. Der Herr hat nicht gewollt, dass ich in Nizza bleibe. Ein Freund verschwand mit meinem Ersparten. Ein Arbeitgeber bezahlte mich nicht und meine Chefin im Hotel versuchte mit meiner Hilfe den Streit mit ihrem Gatten zu gewinnen. Ich habe mich wieder auf den Weg nach Westen gemacht.

In Toulon wurde ich überfallen und meiner letzten Wertgegenstände beraubt. Als ich Mitte November in den Bergen hinter Pointe Rouge in Marseille wegen des kalten Regens nicht schlafen konnte, fand ich mit Gottes Hilfe den Weg zu Notre Dame de la Garde. Alain, der Küster, schloss gerade die Tore auf, begrüsste mich wie einen alten Freund, die Schwestern sangen im Gottesdienst und der junge Priester predigte--ich verstand kein Wort--aber es war herzergreifend.

Von diesem Tag an schlief ich auf dem Berg hinter Notre Dame de la Garde und war fast drei Monate lang täglich um sieben Uhr zum Gebet und zur Frühmesse in der Krypta. Ende Januar brachten mich Alain, Henry und Schwester Jane zu Emmaüs Pointe Rouge - - Zum Start in ein neues Leben, ein Leben mit Gott und der Kirche.

Bevor ich nach Frankreich kam, war ich Mitglied der evangelischen Kirche. Gilbert, einer meiner neuen Freunde hat mich zu einer Konferenz der Dominikaner mitgenommen, wo ich einem deutschen Priester vorgestellt wurde. Hubert Maria hat mich auf meinen Übertritt  zum Katholizismus vorbereitet. Der Weihbischof von Marseille hat entschieden, dass ich in eine reguläre Gemeinde integriert werden solle und so kam ich nach St.Giniez und zu Jean-Benoit einem deutsch sprechenden Priester. Am 8. Dezember 2002, an Maria Empfängnis, wurde ich in die katholische Kirche aufgenommen und emfing die heilige Kommunion und das Sakrament der Konfirmation.

Am Anfang hatte ich, wie wahrscheinlich alle in der lutherischen Kirche erzogenen, Schwierigkeiten zu Maria zu beten und auch mein Gebet zu Jesus war recht unbeholfen. Da mir der Herr meine vielen kleinen Bitten stets erfüllte, wuchs meine Dankbarkeit und mit der Hilfe von Jean-Benoit lernte ich Maria besser kennen und heute spreche ich mit Ihr, wie man mit seiner Mutter spricht.

 

 

Hab Dank Notre Dame de la Garde !

Dein Toni

 

9. Dez, 2016

Liebe Freunde,

jetzt ist es kurz vor dem dritten Advent und damit auch Zeit auf das vergangene Jahr 2016 zurück zu blicken. Im ersten Quartal dieses Jahres ist mit mir etwas passiert, was ich bis heute nicht erklären kann. Ich komme an meinem autobiographischen Roman nicht weiter. Über Wochen kriege ich nichts aufs Papier und wenn ich dann mal was schreibe, dann gefällt es mir nicht und der Text verschwindet in den Dateien von Microsoft.

Meine Suche nach dem „Warum“ ist bis jetzt erfolglos geblieben. Ich habe es mit EMDR und Hypnose versucht. Mit meinem Lektor habe ich einen Nachmittag nach Lösungen gesucht. Mit schreibenden Freunden habe ich mich ausgetauscht. Unter widrigsten Umständen bin ich in Richtung Santiago gepilgert (auf meiner Seite tonitres.fr nachzulesen)….

Alles hat nicht dazu geführt, dass es mit meinem Roman weiter ging. Im Oktober habe ich mich entschieden, zunächst einmal aufzuhören mich ans Schreiben zu zwingen. Wie ihr im Blog sehen könnt, habe ich sehr wohl über meine Pilgerreise schreiben können. Die Sperre muss also etwas mit dem Thema des Romans, meinem eigenen Leben vor meiner Ankunft in Marseille, zu tun haben.

 Über die Weihnachtszeit habe ich vor, intensiv über die positiven Dinge in meinem früheren Leben zu meditieren und dadurch von den bisher in meinem Denken vorherrschenden negativen Erinnerungen weg zu kommen.

Euch allen wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein schönes, positives Jahr 2017.

Ich danke dafür euch zu Freunden zu haben.

TONI Tres alias Werner Reinhold Toni Tresbach

20. Okt, 2016

 

Er sitzt in der vom vielen Kerzenrauch geschwärzten Krypta von Notre Dame de la Garde. Es ist die Frühmesse. Die Frühmesse ist eigentlich für die Schwestern vom lebendigen Wasser, die neben der Kirche wohnen und das Restaurant für die Pilger betreiben, sowie die Mitarbeiter der Kathedrale. Es gibt nur wenige Besucher  aus der Stadt und es sind immer die Selben. Der Handwerker, der mit seinem Kleinlaster vorfährt. Die Schwester aus dem Blindenheim in ihrem blassblauen Ordenskleid. Und er, der Bettler von der Cannebiere. Sein Weg zur Kathedrale ist nicht weit. Er schläft nur hundert Meter entfernt im Freien auf einem Betonpodest. Sein Rucksack, mit allem was er besitzt, steht in der Seitenkapelle und er sitzt in einer der hinteren Bänke. Er sitzt alleine, er gehört nicht dazu.

 

Weshalb sitzt er hier? Er ist noch nicht mal katholisch und er hatte mit einer Kirche nie viel am Hut.

Alle sprechen französisch, er versteht kein Wort, aber es zieht ihn immer wieder hier her. Er wollte doch an der Küste entlang weiter nach Spanien. Weitergehen kann er nicht, irgendwas hält ihn hier fest.

 

Jeden Morgen um viertel vor Sieben steht er frierend vorm Tor und der alte Küster begrüßt ihn inzwischen schon mit dem Namen und mit den paar Brocken Deutsch, die er in vielen Jahren von den Pilgern aufgeschnappt hat. Die Zugbrücke wird heruntergelassen und er kann durch den Raum mit den hunderten, brennenden Kerzen die Krypta betreten.

 

Er versucht zu beten. Er weiß nicht wie das geht. Also redet er wie Don Camillo im Film mit dem Jesuskind auf dem Arm der Frau hinter dem Altar. Zu Maria zu beten hat er nie gelernt. Seine Bitten an das Jesuskind handeln nicht von großen  Dingen. Er ist in den Monaten auf der Straße bescheiden geworden. Er bittet um eine warme Jacke, um jemanden mit dem er sich unterhalten kann. Er dankt für die Ruhe der letzten Nacht und dafür wieder 24 Stunden überlebt zu haben.

 

Und seine Bitten werden erhört. Die Schwestern mit ihren verschiedenen Hautfarben und Augenformen, in den bunten Trachten ihrer Heimatländer, begrüßen ihn beim Verlassen der Kirche und stecken ihm manchmal ein paar Francs zu., die freundliche Kindergärtnerin auf der Cannebiere, deren Hauseingang er sich zum Betteln ausgesucht hat, schenkt ihm einen Anorak der für ihre Schützlinge zu groß ist und  die Schwester aus Wales kann Deutsch und Englisch und übersetzt für ihn bei einem Gespräch mit dem Priester in der Sakristei.

Schwester Jeanne aus dem Blindenheim schenkt ihm warme Socken und Handschuhe und einen Hut gegen die Kälte. Sie steckt ihm einen Umschlag mit der ungeheuren Summe von 500 Francs zu.

Er wird zum Frühstück im Restaurant der Schwestern eingeladen. Nicht nur einmal, sondern auf Dauer.Er beginnt dazu zu gehören.

Nach 75 Tagen des Betens in der Frühmesse in Notre Dame de la Garde bringen Alain der Küster und  Schwester Jane aus Wales den Bettler aus Deutschland nach Emmaus. Sein neues Leben kann beginnen.

14. Sep, 2016

 

 

Hornillos del Camino kann ich in der Ferne sehen, aber ich bin nicht in der Lage aufzustehen und weiter zu gehen. Ich schlafe ein. Jemand fragt mich auf Englisch ob ich OK bin. Mein Mund ist so trocken, dass ich nicht antworten kann. Zur Erklärung meines Problems halte ich meine Wasserflasche hin. Wortlos gibt er mir seine kleine, halbvolle Plastikflasche und geht weiter. Ich trinke das ganze Wasser und rufe ihm einen Dank nach, den er sicherlich schon gar nicht mehr hört. Da ich jetzt offensichtlich für den Betrachter gesund aussehend dasitze, gehen etliche Pilger an mir vorbei. Manche rufen ein „Buen Camino“ andere winken kurz, die meisten scheinen mich nicht zu bemerken. Nach den paar Schluck Wasser bin ich überzeugt, werde ich gleich aufstehen können. Als ich es dann versuche breche ich wieder zusammen und fühle mich todelend. Eine Amerikanerin bleibt stehen, sieht mich länger an und fragt dann: „Are you OK, Sir“? Ich halte wieder meine leere Wasserflasche hin und bitte um etwas Wasser. Sie hat nur Tee und nachdem ich darum bitte, öffnet sie ihre große Isolierflasche und füllt meine kleine Wasserflasche mit Tee. Noch immer zu Stolz meine tatsächliche Schwäche zuzugeben, behaupte ich keine weitere Hilfe zu brauchen und sie geht weiter.

Den ersten Schluck Tee spucke ich gleich wieder aus. Der Tee ist mit viel Zucker gesüßt und ich hab keine Ahnung wo mein Glycemie - Pegel steht. Ist er zu niedrig wäre der süße Tee gut, bei mir ist er aber meistens zu hoch und dann darf ich ihn nicht trinken. Als ich aufblicke sehe ich  in braune Augen in einem unrasierten Pilgergesicht und nur 30 cm von mir entfernt. Wieder die englische Frage nach dem OK und da ich total überrascht bin, antworte ich in Deutsch, was den Mund vor meinem Gesicht veranlasst mit typisch Wiener Dialekt mir ein „ Du siehst ja beschissen aus“ entgegen zu schleudern. Er geht davon aus, dass ich einen Hitzschlag oder Sonnenstich habe. Er nimmt meinen Hut, füllt ihn mit Wasser und drückt ihn mir fest auf den Kopf. Er schüttet mir Wasser über Brust und Rücken und gibt mir ein paar Schluck zu trinken. Er fragt weshalb ich den Tee nicht getrunken habe und ich erzähle ihm von meiner Zuckerkrankheit. Sofort nimmt er sein Handy und ruft seinen schon in den Ort voraus gegangenen Freund an. Nach wenigen Minuten kommt ein Auto aus dem Ort auf uns zugefahren und die Frau am Steuer steigt mit zwei Männern aus. Es stellt sich heraus, der Freund meines Retters kann kein Spanisch und hat einem Spanisch sprechenden Pilger die Situation geschildert und der hat alles an die Bardame des örtlichen Bistros weitergegeben und diese hat sofort ihre Bar verlassen. Die drei Männer führen mich zum Auto, nachdem zwei der drei mitgebrachten kleinen Wasserflaschen meinen Hut und meine Kleidung nochmals nass gemacht hatten und die dritte von mir getrunken war.

 

Da ich auf dem Platz vor der Bar sitzend nach einem zuckerfreien Coca Zero und Thunfisch mit Tomatensoße wieder eine gesunde Gesichtsfarbe hatte, mein Zuckerpegel auf für die Tageszeit akzeptablen 248 war, akzeptierten meine Retter meinen Wunsch nach einem Bett und brachten mich zur Herberge. Nach zwei Stunden Schlaf konnte ich ohne Hilfe zum Platz vor der Bar zurückgehen. Mehr als meinen gesprochenen Dank wollten meine Retter nicht annehmen, sie verweigerten mir sogar ihre Namen und Adressen, schließlich sei das was sie gemacht hätten, selbstverständlich.

Folgerung: Gehe nie an Jemandem vorbei der aussieht als brauche er deine Hilfe.

Meine Pilgerwanderung war gerade mal einen Tag alt und ich wusste nicht was ich jetzt machen sollte. Weitergehen konnte ich mir an diesem Abend nicht vorstellen. Einen Krankentag zu nehmen hielt ich nicht für erforderlich. Also am Morgen nach einem Bus suchen und falls es hier keinen Bus gibt, ein Taxi zurück nach Burgos zu nehmen. Um mir mehr Ruhe zu bieten, hatte mich die Herbergsmutter nicht in einem der Schlafsäle untergebracht, sondern in einem kleineren Raum in dem eine Pilgergruppe bestehend aus 4 Erwachsenen und 5 Kindern untergebracht waren. Alle wurden über meine Situation informiert und boten mir ihre Hilfe an. Als ich nur zu schlafen wünschte, verlassen alle bis auf eine gehbehinderte Frau den Raum. Am Morgen, es ist schon gegen acht Uhr, wache ich hungrig und durstig auf. Meine rechte Körperseite schmerzt, da muss ich wohl drauf gefallen sein und mein Zuckerpegel war noch immer zu hoch.

Die Großfamilie lud mich ein an ihrem Frühstück teil zu nehmen und ich wählte ungesüßten Tee und ein paar Zwieback dünn mit Butter bestrichen. Meine neuen Bekannten waren Franzosen und pilgerten von le Puy nach Santiago. Da ich hinter der Herberge ihr Auto mit Anhänger gesehen hatte, nahm ich an, im Anhänger sei ein Rollstuhl für die behinderte Dame und ansonsten würde die fast Gehunfähige im Auto gefahren. Da hatte ich mich total geirrt.

Aus dem Anhänger kam ein Fahrzeug zum Vorschein, wie ich es noch nie gesehen hatte. Ein gut gepolsterter Stuhl war auf einem Gestell montiert unter dem ein einziges etwa 26 Zoll großes Rad montiert war. Nach vorne waren zwei lange Stangen wie von einer Rikscha angebracht und hinter den Sitz gab es einen Fahrradlenker mit Bremse mit dem das Fahrzeug in der Balance gehalten wurde. Nachdem dieses seltsame Gefährt gezogen von den Kindern und mit der Behinderten auf dem Sitz abgefahren war, saß ich wieder auf dem Platz vor dem Bistro und wusste immer noch nicht was ich jetzt machen sollte. Im Bistro bestellte ich mir einen Kartoffelkuchen und ein Cola Zero und erfuhr, dass es am Sonntag keinen Bus gibt. Was also machen? Zurücklaufen schloss ich aus. Ein Taxi bestellen, nein dazu fühlte ich mich jetzt viel zu gut. Also weiterlaufen. Mein Pilgerführer bestätigte meine in den Vorjahren gemachte Erfahrung: bis zum nächsten Ort sind es nur 11 km und dort gibt’s drei Herbergen und in Hontanas hatte ich in früheren Jahren schon übernachtet. Verpflegung hatte ich noch ausreichend im Rucksack und neben drei Liter Wasser packte ich noch einen Liter Cola Zero ein.

 

Nach einer guten Stunde holte ich die Großfamilie mit dem seltsamen Gefährt ein. Sie wollten auch nach Hontanas, von wo dann die Männer zurücklaufen würden, um das Auto zu holen. Am Ortseingang von Hontanas traf ich meine Lebensretter vom Tag vorher wieder. Sie wollten noch weiter bis Castrojeriz. Da ich mich nach einer Essenspause noch fit fühlte, machte auch ich mich auf die 9,8 km, nicht ohne zuvor meinen Getränkevorrat aufzufüllen. Meine schmerzende Seite hatte ich vergessen und auch die Idee aufzugeben war in den Hintergrund geraten. Bis Fromista wollte ich durchhalten. Von Fromista war ich ja schon einmal mit dem Bus nach Burgos gefahren.

 

 Von Castrojeriz bis Fromista sind es 26,2 km die auf drei Tagesetappen aufgeteilt werden können. Andere Pilger kochen Abendessen in der Herberge und laden mich ein mit zu essen. Während des Essens wird beschlossen zum Besteigen des vor uns liegenden Tafelbergs bereits um 5:00 Uhr auf zu brechen um vor der Tageshitze den Berg hinter uns zu haben. Mit angeschalteten Taschenlampen geht’s auf den Berg und so kommt es, dass ich vor 8:00 Uhr, der Zeit zu der ich sonst los marschiere, am ersten möglichen Etappenziel bin und deshalb einfach bis Fromista weiter gehe.

Montagmorgen. Der Gewaltmarsch vom Sonntag steckt mir in den Gliedern. Also auf zur Bushaltestelle und zurück nach Burgos. Montags fährt kein Bus!

Ein ZURÜCK werfe ich jetzt endgültig über Bord. Also die müden Glieder gestreckt und weiter marschiert. Nach ein paar Kilometern läuft der Gehapparat wieder zufrieden  stellend und der Weg entlang der einst von König Juan-Carlos aus seiner Privatschatulle gespendeten Alleenbäumen ist schattig und gut begehbar. Die parallele Landstraße ist seit es die Autobahn gibt fast nicht mehr befahren und so ist der Marsch als Erholung zu bezeichnen.

Laut Pilgerführer sind sind es 19,1 km bis nach Carrion de los Condes und dazwischen gibt es Übernachtungsmöglichkeiten und in Carrion de los Condes habe ich schon mal im Kloster der Ste. Anna übernachtet.

 

  

 Hinter Carrion de los Condes beginnen 18 km Meseta pur. Kein Baum, kein Strauch, kein Haus und deshalb wohl eine der schwierigsten Etappen auf dem Camino Frances in Spanien. Ich sitze vor einem Bistro in dem Fahrkarten zur anderen Seite der Meseta verkauft werden und der Bus kommt in 10 Minuten. Mit der Fahrkarte nach Sahagun komme ich dem Ziel Leon um 34,7  km näher. Ich kann sogar noch die 11,2 km bis Bercianos del Real Camino weiter wandern.

Von hier ab ist es normales Pilgern wie ich es schon seit Jahren kenne. Eine Nacht in der früher von dem leider verstorbenen Herbergsvater Wolf geleiteten Herberge in Mansilla de las Mulas und eine weitere im Kloster der Benediktinerinnen in Leon. Dann geht es mit dem Eurolinienbus zurück nach Marseille. Unterwegs noch ein für mich neues Erlebnis. In SUCO treffen sich auf einer riesigen Raststätte Busse aus Spanien und Portugal um ihre Passagiere zu den verschiedenen Städten in Europa auszutauschen. Ca. 50 Busse halten hier für über eine Stunde und über Tausend Menschen laufen mit ihrem Gepäck kreuz und quer auf der Suche nach dem richtigen Bus für die Weiterfahrt.

Schlussfolgerung: Wahrscheinlich werde ich den letzten Teil meiner vierten Pilgerreise im nächsten Jahr antreten. Die 250km von Leon nach Santiago. Aber nicht im Juli und August.

 

Das alte aus Lehmziegeln gebaute und nicht mehr genutzte Pfarrhaus wurde von einer Gruppe katholischer Männer zu einer Herberge umgebaut. Abendessen, Bett und Frühstück werden gegen eine freiwillige Spende an bis zu 47 Pilger „verschenkt“ nach dem Motto: „Die Pilger vor euch haben für euch gespendet. Mit eurer Spende werden die Nächsten versorgt.“ Beeindruckendes Konzept.