Persönliches

9. Dez, 2016

Liebe Freunde,

jetzt ist es kurz vor dem dritten Advent und damit auch Zeit auf das vergangene Jahr 2016 zurück zu blicken. Im ersten Quartal dieses Jahres ist mit mir etwas passiert, was ich bis heute nicht erklären kann. Ich komme an meinem autobiographischen Roman nicht weiter. Über Wochen kriege ich nichts aufs Papier und wenn ich dann mal was schreibe, dann gefällt es mir nicht und der Text verschwindet in den Dateien von Microsoft.

Meine Suche nach dem „Warum“ ist bis jetzt erfolglos geblieben. Ich habe es mit EMDR und Hypnose versucht. Mit meinem Lektor habe ich einen Nachmittag nach Lösungen gesucht. Mit schreibenden Freunden habe ich mich ausgetauscht. Unter widrigsten Umständen bin ich in Richtung Santiago gepilgert (auf meiner Seite tonitres.fr nachzulesen)….

Alles hat nicht dazu geführt, dass es mit meinem Roman weiter ging. Im Oktober habe ich mich entschieden, zunächst einmal aufzuhören mich ans Schreiben zu zwingen. Wie ihr im Blog sehen könnt, habe ich sehr wohl über meine Pilgerreise schreiben können. Die Sperre muss also etwas mit dem Thema des Romans, meinem eigenen Leben vor meiner Ankunft in Marseille, zu tun haben.

 Über die Weihnachtszeit habe ich vor, intensiv über die positiven Dinge in meinem früheren Leben zu meditieren und dadurch von den bisher in meinem Denken vorherrschenden negativen Erinnerungen weg zu kommen.

Euch allen wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein schönes, positives Jahr 2017.

Ich danke dafür euch zu Freunden zu haben.

TONI Tres alias Werner Reinhold Toni Tresbach

20. Okt, 2016

 

Er sitzt in der vom vielen Kerzenrauch geschwärzten Krypta von Notre Dame de la Garde. Es ist die Frühmesse. Die Frühmesse ist eigentlich für die Schwestern vom lebendigen Wasser, die neben der Kirche wohnen und das Restaurant für die Pilger betreiben, sowie die Mitarbeiter der Kathedrale. Es gibt nur wenige Besucher  aus der Stadt und es sind immer die Selben. Der Handwerker, der mit seinem Kleinlaster vorfährt. Die Schwester aus dem Blindenheim in ihrem blassblauen Ordenskleid. Und er, der Bettler von der Cannebiere. Sein Weg zur Kathedrale ist nicht weit. Er schläft nur hundert Meter entfernt im Freien auf einem Betonpodest. Sein Rucksack, mit allem was er besitzt, steht in der Seitenkapelle und er sitzt in einer der hinteren Bänke. Er sitzt alleine, er gehört nicht dazu.

 

Weshalb sitzt er hier? Er ist noch nicht mal katholisch und er hatte mit einer Kirche nie viel am Hut.

Alle sprechen französisch, er versteht kein Wort, aber es zieht ihn immer wieder hier her. Er wollte doch an der Küste entlang weiter nach Spanien. Weitergehen kann er nicht, irgendwas hält ihn hier fest.

 

Jeden Morgen um viertel vor Sieben steht er frierend vorm Tor und der alte Küster begrüßt ihn inzwischen schon mit dem Namen und mit den paar Brocken Deutsch, die er in vielen Jahren von den Pilgern aufgeschnappt hat. Die Zugbrücke wird heruntergelassen und er kann durch den Raum mit den hunderten, brennenden Kerzen die Krypta betreten.

 

Er versucht zu beten. Er weiß nicht wie das geht. Also redet er wie Don Camillo im Film mit dem Jesuskind auf dem Arm der Frau hinter dem Altar. Zu Maria zu beten hat er nie gelernt. Seine Bitten an das Jesuskind handeln nicht von großen  Dingen. Er ist in den Monaten auf der Straße bescheiden geworden. Er bittet um eine warme Jacke, um jemanden mit dem er sich unterhalten kann. Er dankt für die Ruhe der letzten Nacht und dafür wieder 24 Stunden überlebt zu haben.

 

Und seine Bitten werden erhört. Die Schwestern mit ihren verschiedenen Hautfarben und Augenformen, in den bunten Trachten ihrer Heimatländer, begrüßen ihn beim Verlassen der Kirche und stecken ihm manchmal ein paar Francs zu., die freundliche Kindergärtnerin auf der Cannebiere, deren Hauseingang er sich zum Betteln ausgesucht hat, schenkt ihm einen Anorak der für ihre Schützlinge zu groß ist und  die Schwester aus Wales kann Deutsch und Englisch und übersetzt für ihn bei einem Gespräch mit dem Priester in der Sakristei.

Schwester Jeanne aus dem Blindenheim schenkt ihm warme Socken und Handschuhe und einen Hut gegen die Kälte. Sie steckt ihm einen Umschlag mit der ungeheuren Summe von 500 Francs zu.

Er wird zum Frühstück im Restaurant der Schwestern eingeladen. Nicht nur einmal, sondern auf Dauer.Er beginnt dazu zu gehören.

Nach 75 Tagen des Betens in der Frühmesse in Notre Dame de la Garde bringen Alain der Küster und  Schwester Jane aus Wales den Bettler aus Deutschland nach Emmaus. Sein neues Leben kann beginnen.

14. Sep, 2016

 

 

Hornillos del Camino kann ich in der Ferne sehen, aber ich bin nicht in der Lage aufzustehen und weiter zu gehen. Ich schlafe ein. Jemand fragt mich auf Englisch ob ich OK bin. Mein Mund ist so trocken, dass ich nicht antworten kann. Zur Erklärung meines Problems halte ich meine Wasserflasche hin. Wortlos gibt er mir seine kleine, halbvolle Plastikflasche und geht weiter. Ich trinke das ganze Wasser und rufe ihm einen Dank nach, den er sicherlich schon gar nicht mehr hört. Da ich jetzt offensichtlich für den Betrachter gesund aussehend dasitze, gehen etliche Pilger an mir vorbei. Manche rufen ein „Buen Camino“ andere winken kurz, die meisten scheinen mich nicht zu bemerken. Nach den paar Schluck Wasser bin ich überzeugt, werde ich gleich aufstehen können. Als ich es dann versuche breche ich wieder zusammen und fühle mich todelend. Eine Amerikanerin bleibt stehen, sieht mich länger an und fragt dann: „Are you OK, Sir“? Ich halte wieder meine leere Wasserflasche hin und bitte um etwas Wasser. Sie hat nur Tee und nachdem ich darum bitte, öffnet sie ihre große Isolierflasche und füllt meine kleine Wasserflasche mit Tee. Noch immer zu Stolz meine tatsächliche Schwäche zuzugeben, behaupte ich keine weitere Hilfe zu brauchen und sie geht weiter.

Den ersten Schluck Tee spucke ich gleich wieder aus. Der Tee ist mit viel Zucker gesüßt und ich hab keine Ahnung wo mein Glycemie - Pegel steht. Ist er zu niedrig wäre der süße Tee gut, bei mir ist er aber meistens zu hoch und dann darf ich ihn nicht trinken. Als ich aufblicke sehe ich  in braune Augen in einem unrasierten Pilgergesicht und nur 30 cm von mir entfernt. Wieder die englische Frage nach dem OK und da ich total überrascht bin, antworte ich in Deutsch, was den Mund vor meinem Gesicht veranlasst mit typisch Wiener Dialekt mir ein „ Du siehst ja beschissen aus“ entgegen zu schleudern. Er geht davon aus, dass ich einen Hitzschlag oder Sonnenstich habe. Er nimmt meinen Hut, füllt ihn mit Wasser und drückt ihn mir fest auf den Kopf. Er schüttet mir Wasser über Brust und Rücken und gibt mir ein paar Schluck zu trinken. Er fragt weshalb ich den Tee nicht getrunken habe und ich erzähle ihm von meiner Zuckerkrankheit. Sofort nimmt er sein Handy und ruft seinen schon in den Ort voraus gegangenen Freund an. Nach wenigen Minuten kommt ein Auto aus dem Ort auf uns zugefahren und die Frau am Steuer steigt mit zwei Männern aus. Es stellt sich heraus, der Freund meines Retters kann kein Spanisch und hat einem Spanisch sprechenden Pilger die Situation geschildert und der hat alles an die Bardame des örtlichen Bistros weitergegeben und diese hat sofort ihre Bar verlassen. Die drei Männer führen mich zum Auto, nachdem zwei der drei mitgebrachten kleinen Wasserflaschen meinen Hut und meine Kleidung nochmals nass gemacht hatten und die dritte von mir getrunken war.

 

Da ich auf dem Platz vor der Bar sitzend nach einem zuckerfreien Coca Zero und Thunfisch mit Tomatensoße wieder eine gesunde Gesichtsfarbe hatte, mein Zuckerpegel auf für die Tageszeit akzeptablen 248 war, akzeptierten meine Retter meinen Wunsch nach einem Bett und brachten mich zur Herberge. Nach zwei Stunden Schlaf konnte ich ohne Hilfe zum Platz vor der Bar zurückgehen. Mehr als meinen gesprochenen Dank wollten meine Retter nicht annehmen, sie verweigerten mir sogar ihre Namen und Adressen, schließlich sei das was sie gemacht hätten, selbstverständlich.

Folgerung: Gehe nie an Jemandem vorbei der aussieht als brauche er deine Hilfe.

Meine Pilgerwanderung war gerade mal einen Tag alt und ich wusste nicht was ich jetzt machen sollte. Weitergehen konnte ich mir an diesem Abend nicht vorstellen. Einen Krankentag zu nehmen hielt ich nicht für erforderlich. Also am Morgen nach einem Bus suchen und falls es hier keinen Bus gibt, ein Taxi zurück nach Burgos zu nehmen. Um mir mehr Ruhe zu bieten, hatte mich die Herbergsmutter nicht in einem der Schlafsäle untergebracht, sondern in einem kleineren Raum in dem eine Pilgergruppe bestehend aus 4 Erwachsenen und 5 Kindern untergebracht waren. Alle wurden über meine Situation informiert und boten mir ihre Hilfe an. Als ich nur zu schlafen wünschte, verlassen alle bis auf eine gehbehinderte Frau den Raum. Am Morgen, es ist schon gegen acht Uhr, wache ich hungrig und durstig auf. Meine rechte Körperseite schmerzt, da muss ich wohl drauf gefallen sein und mein Zuckerpegel war noch immer zu hoch.

Die Großfamilie lud mich ein an ihrem Frühstück teil zu nehmen und ich wählte ungesüßten Tee und ein paar Zwieback dünn mit Butter bestrichen. Meine neuen Bekannten waren Franzosen und pilgerten von le Puy nach Santiago. Da ich hinter der Herberge ihr Auto mit Anhänger gesehen hatte, nahm ich an, im Anhänger sei ein Rollstuhl für die behinderte Dame und ansonsten würde die fast Gehunfähige im Auto gefahren. Da hatte ich mich total geirrt.

Aus dem Anhänger kam ein Fahrzeug zum Vorschein, wie ich es noch nie gesehen hatte. Ein gut gepolsterter Stuhl war auf einem Gestell montiert unter dem ein einziges etwa 26 Zoll großes Rad montiert war. Nach vorne waren zwei lange Stangen wie von einer Rikscha angebracht und hinter den Sitz gab es einen Fahrradlenker mit Bremse mit dem das Fahrzeug in der Balance gehalten wurde. Nachdem dieses seltsame Gefährt gezogen von den Kindern und mit der Behinderten auf dem Sitz abgefahren war, saß ich wieder auf dem Platz vor dem Bistro und wusste immer noch nicht was ich jetzt machen sollte. Im Bistro bestellte ich mir einen Kartoffelkuchen und ein Cola Zero und erfuhr, dass es am Sonntag keinen Bus gibt. Was also machen? Zurücklaufen schloss ich aus. Ein Taxi bestellen, nein dazu fühlte ich mich jetzt viel zu gut. Also weiterlaufen. Mein Pilgerführer bestätigte meine in den Vorjahren gemachte Erfahrung: bis zum nächsten Ort sind es nur 11 km und dort gibt’s drei Herbergen und in Hontanas hatte ich in früheren Jahren schon übernachtet. Verpflegung hatte ich noch ausreichend im Rucksack und neben drei Liter Wasser packte ich noch einen Liter Cola Zero ein.

 

Nach einer guten Stunde holte ich die Großfamilie mit dem seltsamen Gefährt ein. Sie wollten auch nach Hontanas, von wo dann die Männer zurücklaufen würden, um das Auto zu holen. Am Ortseingang von Hontanas traf ich meine Lebensretter vom Tag vorher wieder. Sie wollten noch weiter bis Castrojeriz. Da ich mich nach einer Essenspause noch fit fühlte, machte auch ich mich auf die 9,8 km, nicht ohne zuvor meinen Getränkevorrat aufzufüllen. Meine schmerzende Seite hatte ich vergessen und auch die Idee aufzugeben war in den Hintergrund geraten. Bis Fromista wollte ich durchhalten. Von Fromista war ich ja schon einmal mit dem Bus nach Burgos gefahren.

 

 Von Castrojeriz bis Fromista sind es 26,2 km die auf drei Tagesetappen aufgeteilt werden können. Andere Pilger kochen Abendessen in der Herberge und laden mich ein mit zu essen. Während des Essens wird beschlossen zum Besteigen des vor uns liegenden Tafelbergs bereits um 5:00 Uhr auf zu brechen um vor der Tageshitze den Berg hinter uns zu haben. Mit angeschalteten Taschenlampen geht’s auf den Berg und so kommt es, dass ich vor 8:00 Uhr, der Zeit zu der ich sonst los marschiere, am ersten möglichen Etappenziel bin und deshalb einfach bis Fromista weiter gehe.

Montagmorgen. Der Gewaltmarsch vom Sonntag steckt mir in den Gliedern. Also auf zur Bushaltestelle und zurück nach Burgos. Montags fährt kein Bus!

Ein ZURÜCK werfe ich jetzt endgültig über Bord. Also die müden Glieder gestreckt und weiter marschiert. Nach ein paar Kilometern läuft der Gehapparat wieder zufrieden  stellend und der Weg entlang der einst von König Juan-Carlos aus seiner Privatschatulle gespendeten Alleenbäumen ist schattig und gut begehbar. Die parallele Landstraße ist seit es die Autobahn gibt fast nicht mehr befahren und so ist der Marsch als Erholung zu bezeichnen.

Laut Pilgerführer sind sind es 19,1 km bis nach Carrion de los Condes und dazwischen gibt es Übernachtungsmöglichkeiten und in Carrion de los Condes habe ich schon mal im Kloster der Ste. Anna übernachtet.

 

  

 Hinter Carrion de los Condes beginnen 18 km Meseta pur. Kein Baum, kein Strauch, kein Haus und deshalb wohl eine der schwierigsten Etappen auf dem Camino Frances in Spanien. Ich sitze vor einem Bistro in dem Fahrkarten zur anderen Seite der Meseta verkauft werden und der Bus kommt in 10 Minuten. Mit der Fahrkarte nach Sahagun komme ich dem Ziel Leon um 34,7  km näher. Ich kann sogar noch die 11,2 km bis Bercianos del Real Camino weiter wandern.

Von hier ab ist es normales Pilgern wie ich es schon seit Jahren kenne. Eine Nacht in der früher von dem leider verstorbenen Herbergsvater Wolf geleiteten Herberge in Mansilla de las Mulas und eine weitere im Kloster der Benediktinerinnen in Leon. Dann geht es mit dem Eurolinienbus zurück nach Marseille. Unterwegs noch ein für mich neues Erlebnis. In SUCO treffen sich auf einer riesigen Raststätte Busse aus Spanien und Portugal um ihre Passagiere zu den verschiedenen Städten in Europa auszutauschen. Ca. 50 Busse halten hier für über eine Stunde und über Tausend Menschen laufen mit ihrem Gepäck kreuz und quer auf der Suche nach dem richtigen Bus für die Weiterfahrt.

Schlussfolgerung: Wahrscheinlich werde ich den letzten Teil meiner vierten Pilgerreise im nächsten Jahr antreten. Die 250km von Leon nach Santiago. Aber nicht im Juli und August.

 

Das alte aus Lehmziegeln gebaute und nicht mehr genutzte Pfarrhaus wurde von einer Gruppe katholischer Männer zu einer Herberge umgebaut. Abendessen, Bett und Frühstück werden gegen eine freiwillige Spende an bis zu 47 Pilger „verschenkt“ nach dem Motto: „Die Pilger vor euch haben für euch gespendet. Mit eurer Spende werden die Nächsten versorgt.“ Beeindruckendes Konzept.

22. Aug, 2016

 Auf dem Camino Frances bin ich jetzt zum vierten Mal unterwegs und zwar von der französischen Grenze nach Santiago de Compostella. Hier gleich die erste Korrektur: Beim ersten Mal bin ich von St Jean Pied de Port in Frankreich gestartet und dabei kurz vor der Passhöhe mit Krämpfen in beiden Beinen zusammengebrochen. Hab mich dann zum Kloster Roncevalles durchgeschleppt, dort an der Jugendherberge eine halbe Stunde falsch angestanden, um dann schließlich im riesigen Pilgersaal voller Doppelstockbetten zu landen und nochmal eine halbe Stunde an den sanitären Anlagen anzustehen. Das alles soll heute viel besser sein, aber für mich ist der Weg über die Pyrenäen erledigt. Seit der zweiten Pilgerwanderung starte ich in Pamplona.

Bei der ersten Tour bin ich den Weg von St Jean Pied de Port in einem Stück bis Santiago de Compostella durchmarschiert. In 32 Tagen die 782 km durchwandert, mit nur einem Ruhetag wegen Magen und Darmverstimmung. Beim zweiten und dritten Pilgermarsch habe ich von Pamplona aus die Strecke in 3 Abschnitte eingeteilt und verteilt über eineinhalb Jahre bewältigt. Bei diesen drei Pilgerreisen habe viel an Erfahrung gesammelt und von vielen guten Ratschlägen profitiert. Trotzdem mache ich jetzt bei meinem vierten Anlauf viele Anfängerfehler und von diesen möchte ich hier berichten.

 

Das ist die Eingangstür der kommunalen Herberge in Pamplona und dort wollte ich nach meiner Ankunft mit dem Zug die erste Nacht verbringen und mir einen neuen Pilgerpass, ein Credential kaufen, ohne das in keiner Pilgerherberge Spaniens übernachtet werden kann. Mein Pilgerführer von 2004 war jedoch inzwischen in die Jahre gekommen und führte mich zu der seit ein paar Jahren stillgelegten alten Herberge.

Folgerung: Nicht mit einem alten Führer losmarschieren.

Der altgediente Führer hat mir noch ein paar weitere Streiche gespielt. Einmal war eine Herberge in der Zwischenzeit in eine Station für Buspilger umgewandelt worden und eine andere Herberge war inzwischen abgerissen. Auch die Wegführung war verschiedentlich geändert worden, da die Wegweisung durch gelbe Pfeile, Messingplaketten und Beschilderung  entsprechend geändert war, hat dies keine Probleme verursacht. Am Ende von zwei Wochen war neue Bahnhof von Burgos für mich jedoch zu schwer zu finden, deshalb bin ich mit dem Bus von der zentralen Busstation über Barcelona nach Marseille zurückgefahren.

 

Aus meinem neuen Wanderführer wusste ich, dass die Pilgerbaracken in Burgos inzwischen abgerissen waren und habe mir deshalb, als ich zum zweiten Teil der Pilgerreise um 16:00 Uhr am neuen Bahnhof ankam, ein Taxi zur neuen Herberge genommen um noch ein Bett zu ergattern. War schon zu spät, also Hotelzimmer für die erste Übernachtung. Meine Wanderschuhe hatten seit dem letzten Abschnitt mehr als ein Jahr im Regal gestanden. Der eigentlich zum Schutz der Füße angebrachte Schaumstoff war total zerbröselt, was ich nicht merkte, wodurch ich mir in den zwei Tagen bis nach Fromista den rechten Fuß wund lief. Da half kein Blasenpflaster und auch die Wundersalbe vom örtlichen Apotheker zeigte nach 3 Tagen noch keine Wirkung. Nach 3 Übernachtungen in einer netten Frühstückspension ging es mit dem Regionalbus zurück nach Burgos und mit dem Nachtbus nach Marseille. Dadurch wurde es erforderlich nochmals von Burgos loszulaufen.

 

Folgerung: Nicht ohne intensives Training mit Wanderschuhen und Rucksack loslaufen.

 

Nach fast zwei Jahren sind die Wunden am Fuß verheilt. In mir verspüre ich einen starken Drang endlich meine vierte Pilgerreise fortzusetzen. Also verlege ich meine Einsätze zur Betreuung der Seeleute im Hafen von Marseille und bekomme dadurch vom 22.Juli bis 5. August  freie Zeit um von Burgos nach Leon zu pilgern. 175 km verteilt auf 7 Marschtage halte ich für machbar. 25km im Schnitt am Tag hab ich früher auch gemacht, warum also nicht. Meine Freunde warnen mich vor der Hitze im Hochsommer, ich bin jedoch nicht bereit zuzuhören. Bereits am ersten Tag treffe ich auf über 40 Grad Celsius und kilometerlange Strecken ohne jeden Schatten.

Folgerung: Hör auf deine Freunde und beachte was erfahrene Pilger berichten.

Bei meinen früheren Pilgertouren war ich immer im Mai oder September gestartet und hatte derartige Hitze nie erlebt. Das zeitliche und örtliche Ende meiner Etappe hatte ich bisher auch nie exakt festgelegt und hier hatte ich meine Rückfahrkarte für den Nachmittag des 4. August in der Tasche und wusste: am 4. August habe ich auch eine volle Pilgerstrecke geplant.

Folgerung: Plane immer eine Reservezeit am Zielort ein.

Dazu aber gleich mehr. Da ich keine, in den verfügbaren Zeitrahmen passende Zugverbindung in der Kombination von SNCF Frankreich und RENFE Spanien finden konnte, entschloss ich mich zur Busfahrt nach Burgos. Eurolines bieten direkte Busverbindung über Nacht von Marseille nach Burgos an, sogar  preisgünstiger als die Bahn. Abfahrt 17:00 Uhr und Ankunft 8:00 Uhr in modernen Reisebussen. Eine sehr positive Veränderung in meinen Anreisegewohnheiten. Da der Bus bis Portugal weiterfuhr, war er bis auf den letzten Platz besetzt und durch die mitreisenden Großfamilien und den zum Beginn der Nacht gezeigten Spielfilm war an erholsamen Schlaf nicht zu denken. Auch die Pflichtpausen zum Fahrerwechsel trugen nicht zur Nachtruhe bei.

Folgerung: Bei Busanreise über Nacht einen Ruhetag am Startort einplanen.

Um 8:00 Uhr am frühen Morgen ist auch an einem Freitag in Burgos rund um die Kathedrale nicht viel los. Geschäfte sind noch nicht geöffnet und die Pilgerherberge bereits leer und bis Mittag geschlossen. Scheinbar ziellos herumirrende Pilger orientieren sich langsam in Richtung Jakobsweg und so gehe auch ich nach einem kleinen Imbiss aus dem Rucksack  den  auf dem Bürgersteig angebrachten Messingmuscheln folgend aus der Stadt. Bis Hornillos del Camino sind es 18,5 km und wenn ich dort noch fit bin, will ich die 10,5 km bis Hontanas noch dranhängen.

Hier ist das Ende der Mischung von Theorie und Praxis. DEFINITIV !

Hinter der Kathedrale vorbei geht es nun durch den schattigen Park und die von Bäumen überdachten Alleen hinaus ins freie Feld. Es ist Erntezeit, auf den riesigen Getreidefeldern überziehen die großen Erntemaschinen alles mit einer Staubwolke. Staub überall: unter der Kleidung, in den Augen, zwischen den Zähnen. Mit 2 Liter Wasser losgelaufen, muss in der nächsten kleinen Ortschaft schon nachgefüllt werden. Das GPS gesteuerte Thermometer auf dem Smartphone geht von 38 Grad Celsius im Schatten aus, aber wo ist hier Schatten? Nirgends! Weiter geht es leicht ansteigend auf dem staubigen Feldweg. Das Wasser geht schon wieder zur Neige. Weiter durch die einheitlich gelbbraune Landschaft, in der ein Sonnenblumenfeld aus weiter Ferne zu mir herüber lacht. Gelbe Blumen, blauer Himmel und sonst nur trostlose Stoppelfelder.

 

Im Halbschatten eines kleinen Gebüschs am Wegrand versuche ich auszuruhen. Trinke das letzte Wasser. Vom Zielort ist noch nichts zu sehen, aber vom Gipfel des vor mir liegenden kleinen Hügels wird Hornillos del Camino sicher schon zu sehen sein. Langsam gehe ich weiter. Vorbeieilende Pilger fragen ob ich OK bin. Selbstverständlich bin ich OK, ich mach halt nur ein bisschen langsam. Dann bin ich auf der Spitze des Hügels, kann das nächste vor mir liegende weite Tal sehen, gehe schneller bergab, gerate ins straucheln, falle in den Graben am Wegrand und kann mich gerade noch in den Schatten eines kleinen Buschs rollen.

Folgerung: Bis hierher zu viel falsch gemacht.

 

Fortsetzung in ein paar Tagen.              TONI am 22. Aug. 2016